Foto: Heute ist Angela Lehrerin und freut sich auf ihre Hochzeit im kommenden Jahr.
Copyright: Angela Lederer
Im Magazin Welt der Frauen erzählen Heublumen ihre ganz persönlichen Geschichten aus dem queeren Alltag. Angelina Lederer wirft einen Blick zurück auf Coming Out und Schulzeit. Und dass das alles am Land gar nicht so einfach war.:
Der Wecker klingelt um 6 Uhr früh. Verschlafen öffne ich meine Augen, sehe an mir hinunter und denke nur: Mist. Nichts hat sich verändert, obwohl ich es mir so sehr gewünscht habe. Jahrelang habe ich dafür gebetet, bei jeder Sternschnuppe daran gedacht, gehofft, irgendwann in einem anderen Leben, in einem anderen Körper aufzuwachen. Stattdessen ist alles gleich geblieben – das gleiche Leben, der gleiche Körper, die gleichen Probleme und dieses endlose Labyrinth an Fragen, aus dem ich alleine keinen Ausweg finde.
2007 besuche ich die Unterstufe eines Gymnasiums, doch meine Gedanken kreisen kaum um Schule oder Freundschaften, sondern fast ausschließlich darum, was mit mir nicht stimmt. Während sich andere Mädchen für Schminke und Jungs interessieren, fühle ich mich fehl am Platz und merke immer deutlicher, dass ich anders bin – und dass auch die anderen das bemerken. Wörter wie „Schwuchtel“ sind plötzlich allgegenwärtig, und ich lebe in ständiger Anspannung, jederzeit gefragt zu werden, ob ich einen Freund habe, ein Junge sein wolle oder lesbisch sei. Also ziehe ich mich zurück, sperre mich nach der Schule in mein Zimmer und schlafe viel, einfach um nichts spüren zu müssen. Für Lernen und Zukunftspläne bleibt kaum Kraft, ich komme nur knapp durch.
2011 versuche ich schließlich, weiblicher zu wirken, mich für Jungs zu interessieren und das zu tun, was man mit 16 eben tut, doch hinter dieser Fassade bleibt alles leer. Heimlich verliebe ich mich in Mädchen und wünsche mir verzweifelt, ein Junge zu sein, um sie lieben zu dürfen.
Erst als ich Schulfreunde näher kennenlerne und sich mein bester Freund und ich uns gegenseitig outen, beginnt sich etwas zu verändern. Ich verstehe langsam, dass ich kein Mann sein muss, um eine Frau lieben zu können. 2015 mache ich Matura, habe meine erste Freundin und beginne, mein Leben nicht mehr nur zu ertragen, sondern zu leben. Heute arbeite ich als Lehrerin und Mentaltrainerin, werde nächstes Jahr meine Partnerin heiraten und weiß trotz aller Steine auf meinem Weg: Ich bin angekommen.